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Alkoholfreier Wein – Pioniergeist von Carl Jung

Dem einen schmeckt's, dem anderen nicht. Eins ist jedoch klar: Verstecken braucht sich der alkoholfreie Wein nicht mehr. Denn er hat Vorteile und davon ganz schön viele.
veröffentlicht am 9. Mai 2021
Weingut Carl Jung Schloss Boosenburg

„Alkoholfreier Wein, was ist denn das?“ Vielleicht haben Sie sich das auch zuerst gedacht, als Sie davon gehört oder gelesen haben. Was genau ist eigentlich alkoholfreier Wein? Ist das nicht einfach nur Traubensaft? Wir haben mit Bernhard Jung, dem Geschäftsführer und Inhaber vom alkoholfreien Weingut Carl Jung gesprochen.

Wie entsteht alkoholfreier Wein?

Wenn man einfach den Alkohol aus dem Wein entfernt, ist es dann nicht Traubensaft? Eigentlich nicht, es ist ein bisschen komplizierter als das. Tatsächlich ist die Herstellung von alkoholfreiem Wein nicht viel anders als die von normalem Wein. Zuerst werden die Trauben im Weinberg geerntet und im Anschluss gepresst. Hier unterscheiden sich Weißweine und Rotweine. Bei Weißweinen werden die Trauben schnell zerdrückt, um den Saft von den Schalen und Kernen zu trennen. So wird verhindert, dass Farb- und Gerbstoffe in den Wein gelangen. Trauben für Rotweine hingegen werden in Kontakt mit ihren Schalen belassen, um mehr Geschmack, Farbe und Tannine zu erhalten.

Der nächste Schritt ist der Gärungsprozess, wobei der Zucker in Alkohol umgewandelt wird. Der Saft kann innerhalb von 6-12 Stunden auf natürliche Weise zu gären beginnen, wenn er in Kontakt mit natürlicher Hefe kommt. Die meisten Winzer greifen jedoch ein und fügen Hefe hinzu, damit der gesamte Zucker in Alkohol umgewandelt wird. Bei süßeren Weinen stoppen die Winzer den Gärprozess, um etwas Restsüße zu behalten. Je nach Wein kann das zwischen 10 Tagen, einem Monat oder länger dauern.

Der Grundwein durchläuft auch den Reifungsprozess in Edelstahltanks oder Holzfässern. Die Art der Reifung und die Dauer beeinflusst die Qualität und den Geschmack des Weins. Für die Qualität des Weins wird besonderen Wert auf die sorgfältige Selektion des Grundweins gelegt – also welche Herkunft und welche Rebsorte wird verwendet? Junge Weine eignen sich besonders gut für die Produktion von alkoholfreiem Wein.

Vakuum-Extraktionsverfahren – Foto: Weingut Carl Jung

Kurz bevor der Wein in Flaschen abgefüllt wird, kommt jedoch der schwierige Teil: das Entfernen des Alkohols aus dem Wein durch das Vakuum-Extraktionsverfahren. Hierbei werden dem Wein im Vakuum bei Temperaturen von unter 30° Celsius zunächst die Bukettstoffe und dann der eigentlich Farb- und geschmacksneutrale Alkohol schonend entzogen. In gleichen Verfahren werden die Bukettstoffe dem entalkoholisierten Wein wieder zugeführt und nach einer weiteren Dosage und Filtration ist der alkoholfreie Wein bereit für die Abfüllung.

Pioniergeist im Weingut Carl Jung

Mitten in der Gründerzeit kam der 20-jährige Theologiestudent Carl Jung auf eine glorreiche Idee. Inspiriert durch Berichte von einer Himalayareise lernte er, dass der Luftdruck den Siedepunkt verändern kann. Als Winzersohn wusste er, was das für den Wein bedeuten könnte. Kurzerhand entschloss er sich, das sogenannte Vakuum-Extraktionsverfahren zu entwickeln, um dem Wein schonend den Alkohol zu entziehen. Im Jahr 1907 wurde diese Methode patentiert. Mit dem alkoholfreien Wein schuf er erstmals ein Angebot für Menschen, die aus medizinischen Gründen keinen Alkohol zu sich nehmen durften.

Carl Jung Erfinder des alkoholfreien Weins

„Wein braucht Geschmack, keinen Alkohol.“

Carl Jung

Anfangs war die Nachfrage noch sehr überschaulich und die Idee hatte Höhen und Tiefen, bis in den USA 1920 die Prohibition ausgerufen wurde. Dies sorgte beim Weingut für neue Exportmöglichkeiten.

Die Entscheidung, alkoholfreien Wein zu produzieren, wurde nicht immer unterstützt. Im Gegenteil, es war sogar ein Kampf. Einige belächelten die Idee, andere wehrten sich förmlich dagegen. So kam es, dass Carl Jung vor Gericht gezogen wurde unter der Anklage von „Weinfälschung“. Verurteilt wurde er jedoch nie, da es sich schlichtweg nicht um Weinfälschung handelte. Es schien als sei der Markt noch nicht ganz reif für die Innovation.

In den 70er Jahren kam das Thema alkoholfreier Wein in die Weinverordnung. Und auf dem Weingut Carl Jung wurde der Entschluss gefasst, sich nur noch auf alkoholfreien Wein zu spezialisieren. Dieser Schritt war mutig, belohnt wurde er aber erst in den letzten zehn Jahren. Heute steigt die Nachfrage so stark, dass man die Anlagen ausbauen und die Lager vergrößern muss. Durch das wachsende Gesundheitsbewusstsein der letzten Jahre liegen Wörter wie „Bio“, „Organic“, „Vegan“ oder „Alkoholfrei“ im Trend. Die 5. Generation freut sich darüber und erschließt neue Märkte.

CARL JUNG | Alcoholfree Bernhard Jung im Weinkeller
Bernhard Jung (rechts) – Foto: Weingut Carl Jung

„Unsere Weine werden mittlerweile nicht nur in Skandinavien oder Kanada nachgefragt, sondern auch in den muslimischen Ländern“, erzählt Bernhard Jung. Der alkoholfreie Wein ist durch den kompletten Entzug des Alkohol auch nicht betroffen von Alkoholsteuern und sogar halal. „Heute findet man unsere Weine unter verschiedenen Marken auf der ganzen Welt. Auch in asiatischen Ländern wächst unser Absatz. In manchen Länder steigt vor allem der Absatz in der Gastronomie, da Restaurants als verantwortungsvolle Gastgeber gelten wollen.“

Die Produktvielfalt und der Vertrieb werden ständig ausgebaut. So gibt es schon erstklassigen alkoholfreien Sekt oder Rosé. Im eigenen Online-Shop oder bereits beim Discounter kann man sich hiervon überzeugen.

Vorteile über Vorteile

Neben dem Geschmackserlebnis hat der alkoholfreie Wein so einige Vorteile. Die Frage nach der Person, die Auto fahren muss, wird hinfällig. Man kann etwas trinken und sich bedenkenlos ans Steuer setzen.

Für schwangere Frauen ist der alkoholfreie Wein oder Sekt eine schöne Alternative. So kann man beispielsweise an Silvester mit anstoßen oder auf Geburtstagsfeiern mit Stil zur alkoholfreien Flasche greifen.

CARL JUNG | Alcoholfree

Aber auch hinsichtlich der Fitness enthält alkoholfreier Wein viel weniger Kalorien als herkömmlicher Wein. Damit kann der alkoholfreie Wein ähnlich wie das alkoholfreie Bier zum Sportlergetränk werden. Generell ist der gesundheitliche Aspekt für viele Menschen ein großes Thema und wird immer wichtiger.

Während es seit Jahren alkoholfreies Bier gibt, ermutigen wir Sie, alkoholfreie Weine zu probieren. Sie werden überrascht sein von der Vielfalt und Qualität, die heute auf dem Markt erhältlich ist. Jetzt wissen Sie, wie alkoholfreier Wein hergestellt wird, probieren Sie ihn aus und genießen Sie den Geschmack.

ÜBER DEN AUTOR


Marius Greb
Marius Greb
Geschäftsführer von Art & Wine Magazine - Nach einigen Jahren im Finanzwesen wechselte Marius Greb die Branche und befasst sich heute mit Kunst und Wein. Vor dem Start von Art & Wine Magazine startete er Entkorkte Kunst - eine Kombination aus Wein- und Malabenden.

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