Weinbau an der Ahr – Wie sieht es nach der Katastrophe aus?

Durch die Flutkatastrophe im Sommer 2021 waren nicht nur viele Privatpersonen betroffen. Auch der Weinbau litt darunter. Wir unterhalten uns mit Peter Kriechel vom Weingut Kriechel über die Folgen und den Wiederaufbau.
veröffentlicht am 17. Januar 2022

Im Sommer 2021 hatte unter anderem der Nordwesten Deutschlands mit einer nie zuvor gesehenen Flutkatastrophe zu kämpfen. Viele Menschen verloren dadurch ihr Haus und Gut und damit auch teilweise ihre Lebensgrundlage. In den Wochen nach der Katastrophe wurde medial viel darüber berichtet und dazu aufgerufen, finanziell oder in anderer Weise die Menschen in der Region zu unterstützen. Nach einigen Wochen riss diese breit gefächerte Berichterstattung ab. Wir haben uns mit Peter Kriechel vom Weingut Kriechel, welches direkt im Ahrtal liegt, über die Flut, die Folgen und den anstehenden Wiederaufbau unterhalten.

Das Weingut Kriechel

Das Weingut Kriechel wurde bereits 1555 von Konstantin Kriechel gegründet und ist seitdem ein Familienbetrieb. 1952 folgte der Austritt aus den Genossenschaften und Peter Kriechels Großvater machte sich mit dem Weingut selbstständig. Das Weingut ist mit seinen 30 Hektar Weinanbaufläche eines der größeren der Region. 20 Festangestellte werden das ganze Jahr über beschäftigt. Damit zählt der Betrieb als mittelständisches Unternehmen. Der Großteil der Weine wird mit dem Fokus auf Burgundersorten vor allem in Steillagen angebaut. 85% des Rotweins macht der Spätburgunder aus, 15% der Frühburgunder. Auch Weißwein ist zu Teilen vertreten, mit Grauburgunder, Weißburgunder und Chardonnay.

Die Flutkatastrophe 2021

Im Interview verrät uns Peter Kriechel, dass solch eine Flut noch nie zuvor den Betrieb oder die Umgebung betroffen hat: „Es gab natürlich immer mal wieder Hochwasser. 1804 und 1910, ungefähr also jedes Jahrhundert, gab es verheerende Hochwasser. Auch 2016 hatten wir beispielsweise eins, was zu dem Zeitpunkt als Jahrhunderthochwasser bezeichnet wurde. Die Flutkatastrophe dieses Jahr übersteigt allerdings alle jemals gemessenen Werte um 2 – 5 Meter.“

Was hier passiert ist, würde ich biblisch nennen. Das war kein Hochwasser, das war eine Flut.

Peter Kriechel
Ahr Flutkatastrophe
Bild: https://www.ahrwein.de/

Das Wasser kam wie mit einer Flutwelle. Peter Kriechel erlebt es am eigenen Leib als er abends noch die Hühner rettet. Beim ersten Huhn ging ihm das Wasser noch bis zu den Knöcheln, beim letzten Huhn stand es ihm bereits bis zum Hals. Auch der Keller ist natürlich komplett vollgelaufen, bis zu 6 Meter hoch stand das Wasser in der Nacht. Zum Glück konnte bisher bei Bodenproben keine Kontamination mit Heizöl oder ähnlichem festgestellt werden. Das liegt vor allem daran, dass die wenigen Liter Heizöl verteilt auf die Milliarden Liter von Wasser, die in diesen Tagen durch das Land gingen, kaum einen Einfluss hatten.

Folgen für das Weingut Kriechel

Das Weingut Kriechel liegt rund 500 Meter entfernt von der Ahr. Trotz der nicht unmittelbaren Nähe zum Fluss hatte auch das Weingut Kriechel hohe Verluste zu verzeichnen. 40 000 Liter Wein, vor allem hochkarätige, die in den Tanks gärten, gingen verloren. Außerdem wurden rund 200 000 Flaschen Wein zerstört. Die Schadensumme lag im mehrstelligen Millionen-Bereich.

Viel retten konnte man nicht. Peter Kriechel erzählt uns von seinem Vater, der am Abend noch in das eigene Weinhaus hinunter gegangen ist, um die Stühle auf die Tische zu stellen und mit Sandsäcken versucht hat, das Wasser von der tiefer gelegten Einfahrt fernzuhalten. Das Weinhaus stand in der Nacht bis zur Dachkante im Wasser und wurde so sehr zerstört, dass es nicht mehr zu retten war und abgerissen werden musste.

Im Weinberg selbst waren vor allem die Flachlagen betroffen. Auch dort wurde alles durch die gigantische Menge an Wasser zerstört. Teilweise fehlten ganze Rebzeilen, oder die Grundstücke wurden vollkommen fortgerissen. Für das Weingut Kriechel ging es nicht ganz so verheerend aus, da sie vor allem Weine in Steillage anbauen. An der Ahr hat das Weingut rund 10% der Rebfläche verloren, die wieder aufgeforstet werden muss.

Solidarität

Auf die folgenschwere Flut folgte eine große Welle der Solidarität und Unterstützung, für die auch Peter Kriechel mehr als dankbar ist. „Das hat uns echt gerettet. Nicht nur finanziell, sondern auch die Jungs, die direkt angereist sind aus ganz Deutschland, um mit anzupacken. Insgesamt 60-80 Leute hatten wir zusammen, die uns in den ersten Tagen und Wochen massiv geholfen haben. Wir sind enorm froh über die Unterstützung von außen, sonst hätten wir das nicht gepackt.“ Denn natürlich waren auch Peter Kriechels Mitarbeiter privat getroffen und konnten in den ersten Wochen nicht im Betrieb helfen.

Zunächst musste das Wasser weg. Dabei half ein befreundeter Landwirt, der mit seinem Güllefass mehrere Keller leer pumpte. Im nächsten Schritt wurden die Flaschen, die noch unversehrt waren, geborgen. Aber auch der Weinberg schläft natürlich nicht und die alltägliche Arbeit musste simultan zu den Aufbauarbeiten ablaufen, damit nicht noch mehr zu Schaden kam. Vor allem Pflanzenschutz musste betrieben werden, denn nach dieser Menge an Wasser hätten die Reben eigentlich direkt abgemusst. Für die Reben am Hang und direkt an der Ahr sollte ein Helikopter zur Hilfe kommen. Durch bürokratische Hürden flog dieser Helikopter erst drei Tage nach der Flut und so gab es auch hier nochmal einen Verlust von 10% für Peter Kriechel zu verzeichnen.

Der Fokus lag nach den ersten Rettungsmaßnahmen auf der Weinlese. Die großen Traubenannahmen der beiden Genossenschaften in der Region waren glücklicherweise intakt, so dass jede Traube, die an der Ahr gewachsen ist, auch an der Ahr verarbeitet werden konnte. Durch Leihgeräte, beispielsweise Leihpressen, und provisorische Hilfsmittel wie Baustromkästen konnte die Weinlese den Umständen entsprechend normal ablaufen. Die Weinberge wurden teilweise weingutunabhängig bearbeitet.

Viel wichtiger als große Gelder sei die mediale Berichterstattung und die direkte Hilfe vor Ort gewesen, so Kriechel.

Flutwein

Der größte „Heilsbringer“, so Kriechel, sei die Kampagne Flutwein gewesen, die innerhalb der ersten drei Tage nach der Flut ins Leben gerufen wurde.

Das Ahrtal wurde über Nacht durch eine Katastrophe bekannt.
Wir wollten es wieder damit konnotieren, wofür es steht:
Weinbau.

Peter Kriechel

Damit ist auch gemeint, dass der Weinbau das wichtigste Gewerbe ist, worauf alles andere in der Region fußt. Über die Kampagne Flutwein konnten mehrere Millionen Euro eingenommen werden. Es wird davon ausgegangen, dass jeder 1000. Deutsche einen Flutwein gekauft hat. Wobei Peter Kriechel anmerkt, dass viele der Käufer zuvor vielleicht nie etwas von Ahrweinen gehört hatten. So sorgte die Katastrophe indirekt dafür, dass Weine von der Ahr überhaupt erst deutschlandweit bekannt wurden.

Bild: https://www.ahrwein.de/

Ein halbes Jahr nach der Flut

Die Sensation um die Katastrophe ging sehr schnell zurück, so dass die mediale Präsenz schnell abnahm. Der Schrei nach Katastrophen-Geschichten wurde größer während Peter Kriechel und andere Winzer der Region versuchten, den Fokus auf das Hauptaugenmerk, den Weinbau, zurück zu legen. „Wir brauchen jede Aufmerksamkeit, auch in den nächsten Jahren“, so Kriechel.

Für ihn sieht die Gegend auch heute noch aus wie im Krieg. Er würde es zwar nicht mehr als Katastrophengebiet bezeichnen, wohl aber als „die größte Baustelle Deutschlands“ und die wird sie wahrscheinlich auch noch eine Weile bleiben. Von den 62 Brücken, die über die Ahr führten, stehen heute gerade mal noch zwei.

Für den Wiederaufbau konkret steht für Kriechel im neuen Jahr der Rekonstruktion des Weinkellers und der Gastro an. Auch besteht die Überlegung, einen Weinprobekeller zu eröffnen. Aber auch der Weinberg ruht nach wie vor nicht, so dass zusätzlich zu den Aufbauarbeiten auch die jährlichen Arbeiten wie der Rebschnitt im Januar und Februar anstehen.

Bei den Rebsorten möchte Peter Kriechel sich treu bleiben: „Der Spätburgunder wird im Mittelpunkt bleiben. Wir nehmen das, für was wir bekannt sind.“ Von den Lagen her ist man nun etwas eingeschränkter als zuvor.

Die Überlegung nach dieser Flutkatastrophe etwas zu verändern, um langfristig solch enorme Schäden zu umgehen, besteht für Peter Kriechel vor allem für die Politik.

Die Ahr ließe sich perfekt als Modellregion nutzen. Hier sollten die klügsten Köpfe Deutschlands zusammen kommen, um für einen nachhaltigen Wiederaufbau zu sorgen, der auch andere gefährdete Regionen unterstützen kann, um zukünftige Katastrophen abzuwenden oder zu schmälern.

Peter Kriechel

Leider stehen heute noch viele bürokratische Hürden im Weg. So konnten zum Beispiel viele Gelder der Kampagnen nicht direkt an die Winzer ausgezahlt werden. Auch hier sollte sich laut Kriechel schnell etwas ändern.

Ausblick für die Zukunft

Neben dem Wiederaufbau und der jährlichen Arbeit im Weinberg und im Keller steht für Peter Kriechel auch die Vermarktung des Flutweins weiter im Mittelpunkt. Die ersten 100 Flaschen Flutwein wurden laut seiner Aussage noch gar nicht verkauft, da sie einen besonderen Wert haben und wahrscheinlich später einmal im Haus der deutschen Geschichte ausgestellt werden.

Außerdem wird man in Zukunft auch Rebstockpatenschaften zum Wiederaufbau abschließen können.

Auch wir werden voraussichtlich in diesem Jahr in unserer neuen Location Flutwein ausstellen. Haltet auch Ausschau bei neuen Entkorkte Kunst Abenden.

Wir wünschen den betroffenen Winzern und Familien für die Zukunft alles Gute. Wer möchte, kann die Winzer aus der Region an der Ahr immer noch unterstützen. Die Bankverbindung findet ihr unter folgendem Link: https://www.ahrtal.de/flut-hilfe

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Quelle: https://www.ahrwein.de/

ÜBER DEN AUTOR


Marius Greb
Julian Meller
Co-Founder des Art & Wine Magazine - Julian Meller begeistert sich bereits seit seiner Kindheit für Kunst & Technik. Neben kleinen Artikeln ist er für die technische Umsetzung der Webseite verantwortlich. Sie möchten mit Julian in Kontakt treten? Schreiben Sie eine E-Mail an julian@art-wine-mag.com

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