Eine kurze Ikonographie des alttestamentarischen Urvaters
Volltrunken liegt Noah mit aufgestelltem Bein und gesenktem Blick vor einem riesigen hölzernen Weinbottich. Die vor ihm stehende Schale ist geleert und die Müdigkeit, welche den Greis nun überkommt, ist nahezu spürbar. In Michelangelos Fresko für die Sixtinische Kapelle hat der sonst so sehr für seine Tugend gelobte Urvater wohl etwas zu sehr ‚ins Glas geschaut‘. Die Darstellung der Trunkenheit Noahs hat eine lange ikonographische Tradition und ist häufig Teil von alttestamentarischen Zyklen.

Der Beginn der Zivilisation
Der biblische Stammvater hat nach der Sintflut den nun wieder fruchtbaren Boden genutzt, um Ackerbau zu betreiben. So heißt es in der Genesis (1 Mose, 9, 20-21): „Noah aber, der Ackermann, pflanzte als Erster einen Weinberg; Und da er von dem Wein trank, ward er trunken und lag im Zelt aufgedeckt.“ Sein jüngster Sohn Ham fand seinen Vater in diesem Zustand und erzählte es seinen beiden älteren Brüdern Sem und Jafet. Letztere legten, mit dem Gesicht abgewandt und voller Schamgefühl, Bekleidung über ihren Vater.
Kein geringerer also als Noah ist der Erfinder des Weinbaus. Bei ihm sproß der erste Zögling und reifte die erste Rebe. Diese Rolle der Erfindungsgabe findet ganz besonders in Andrea Pisanos Campanile-Relief in Florenz ihren Ausdruck, ist es doch Teil eines Zyklus, der die menschlichen Errungenschaften in den göttlichen Heilsplan eingliedert. Zudem sollte nicht vernachlässigt werden, dass Noah ebenfalls als Architekt auf den Plan tritt. Während in Pisanos Oktagon einfache Holzpfähle dem Weinstock Halt bieten, ist in der Darstellung Paolo Uccellos eine Pergola und im goldenen Relief Lorenzo Ghibertis gar schon ein zusätzliches Gebäude mit Strohdach errichtet. Weingenuss, Ackerbau und Architektur werden zu Repräsentanten der Zivilisation.



Andrea Pisano, Noah, der Erfinder des Weinbaus, 1. Hälfte 14. Jahrhundert, Florenz, Campanile, Museo dell’ Opera del Duomo. CC BY 3.0: Wikimedia Commons, Autor: Sailko
Paolo Uccello, Geschichten Noahs, 1447, Florenz, Santa Maria Novella, Chiostro Verde. Public Domain: Wikimedia Commons
Lorenzo Ghiberti, Trunkenheit Noahs, Paradiestür, 1425-52, Florenz, Baptisterium, Ostportal. CC BY 3.0: Wikimedia Commons, Autor: Sailko, zugeschnitten
Zwischen Tugend und Sünde
So gar nicht zivilisiert gilt hingegen den Kirchenvätern Noahs Verhalten, der volltrunken sich seiner Kleidung entledigt. Trunksucht und Völlerei werden von der Kirche als Laster der luxuria, der Wollust verurteilt. Wie also passt der sonst so tugendhafte Noah, der den neuen Bund (nach Adam) mit Gott geschlossen hat, in diese Vorstellungen?
Die Trunkenheit Noahs wird nicht gerade selten in nordalpinen Druckgraphiken (Lucas Cranach d. Ä., Hans Brosamer oder Maarten van Heemskerck) als alttestamentarisches Beispiel für das vierte Gebot: „Du sollst Mutter und Vater ehren.“ gebraucht. Die Darstellung erhält somit einen mahnenden Charakter, der die Betrachter an ein tugendhaftes Verhalten erinnern soll. Der Kirchenvater Origenes etwa schreibt über das Vaterunser in De Oratione (Vom Gebet): „[…] Hätte ferner Noah nicht von ‚dem Wein‘, den er gebaut, getrunken und ‚sich berauscht‘ und seine Blöße aufgedeckt, so wäre weder die Frechheit und Ruchlosigkeit des Ham seinem Vater gegenüber an den Tag gekommen, noch die Ehrbarkeit und das Schamgefühl seiner Brüder gegen ihren Erzeuger.“ Die Folgen der Trunkenheit Noahs werden zu Exempel von Sünde einerseits und Tugend andererseits.

In Filippo Calendarios Bekrönung der Pfeiler im Südtrakt des Palazzo Ducale in Venedig hebt einer der beiden Brüder, die ihren ums Eck liegenden Vater bedecken, mahnend den Zeigefinger zum Gesicht. Er deutet damit auf seine Augen und das Sehen selbst wird zum Thema. Ganz so, als wolle er auch den Betrachter fragen: ‚Hast du etwa hingesehen?‘.
Neben dem Sehsinn sind auch der Geschmack und Geruch (Wein und Trauben) sowie der Tastsinn (Stoff der Kleidung) angesprochen. Dieser Verführung durch die Sinne, der Noah und sein Sohn Ham erlegen sind, soll der gottesfürchtige Gläubige widerstehen. Die Anbringung der alttestamentarischen Szene in einem christlichen Gotteshaus erhebt zudem ein typologisches Argument zur Eucharistie, wenn Noahs Wein mit Christi Blut und sein Leib mit jenem des Heilands in Relation gesetzt werden können.
Filippo Calendario, Trunkenheit Noahs, Noahs Söhne, ca. 1350, Pietra d’Istria, Venedig, Palazzo Ducale, Südtrakt, Außenbau. Aus: Joachim Poeschke: Die Skulptur des Mittelalters in Italien, Bd. 2: Gotik. München 2000. Taf. 261.
Bandinelli im Wettstreit mit Raffael
Kehren wir zu Michelangelos Darstellung zurück, müssen wir jedoch feststellen, dass auch die drei Söhne entblößt sind, während die in den Nischen hockenden Ignudi gerade ihr Geschlecht verbergen. Noah gehört neben Adam und Eva zu einer der wenigen Figuren, der es durch den biblischen Kanon selbst erlaubt ist, nackt dargestellt zu werden. Kein Wunder also, dass Künstler dieses Thema immer wieder reizte, um den männlichen Akt in all seinen Facetten durchzuspielen. Besonders Baccio Bandinelli nutzte die Ikonographie, um sein Können zu beweisen.


Bandinellis Figuren sind derart präzise, dass in Noahs rechtem ausgestreckten Arm die Pulsadern sichtbar sind. Er kocht förmlich vor Wut, was durch den zornigen Gesichtsausdruck bestätigt wird. Der ganz rechts stehende Bruder, der in Rückenansicht präsentiert wird, erinnert eher an eine männliche Variante der für ihr schönes Hinterteil berühmten Venus Kallipygos. Währenddessen ist der Sitzende – wohl Ham – Noah direkt gegenübergestellt. Ihre Blicke treffen sich.
Hams Gestalt könnte gar mit dem sitzenden Paris von Raffaels Urteil des Paris verglichen werden. Ja, in Gänze ist Bandinellis Relief an Raffaels Kupferstich orientiert, nur dass aus den drei schönen Göttinnen drei Männer geworden sind. Statt Hera, Aphrodite und Athene stehen nun Noah und seine beiden Söhne Sem und Jafet zur Wahl des Schönsten. Statt theologischer Moralpredigt steht ein antiker Wettstreit um Schönheit im Zentrum des Geschehens.
Der letzte Schluck Wein
Ganz anders verhält es sich in Giovanni Bellinis Darstellung der Trunkenheit Noahs. Aus dem bei Ghiberti und Michelangelo elegant liegendem, an einen antiken Flußgott gemahnenden Noah ist ein sich ungelenk windender alter Greis geworden. Die drei Söhne sind in ihrem Alter nun wesentlich differenzierter wiedergegeben und haben wenig Jugendliches an sich. Alle vier Gestalten zusammen ergeben unterschiedliche Lebensalter, von rechts nach links gesehen. Der Sohn in der Mitte kann kein anderer als Ham sein, beugt er sich doch hämisch lächelnd über seinen Vater. Man sieht sogar seine Zähne durchblitzen, ein Lachen das zur damaligen Zeit mehr als nur unschicklich war.

Von besonderem Witz ist auch das Trinkgefäß. Es kippelt am Rand des erdigen Untergrundes und enthält noch einen winzigen Schluck Wein, der aber jeden Moment droht, ausgeschüttet zu werden. Stellen wir uns das Bild an der Wand gehängt vor, so würde der Wein über die Köpfe der Betrachter laufen. Bellini erlaubt sich damit einen wahren Spaß.
Der Erfinder des Weinbaus ist am Ende viel mehr als nur ein Trinker, der die Kontrolle verloren hat. Er bringt Kultur, Zivilisation, Recht (Verurteilung Hams) und die Kunst, zu bauen in die Welt.





