Schongauers Wein-Ornament
Sie schwingt sich in Nautilus-Form und ihre Blätter krümmen und winden sich in einem nicht sichtbaren Lufthauch: die Weinranke in Martin Schongauers Kupferstich wird zu einem eigenen Biotop voller Lebendigkeit. Lauter unterschiedliche Vogelarten haben in der vollkommen überdimensionierten Weinranke einen Platz gefunden. Ruhig geht es allerdings mitnichten zu. Die Schnäbel sind weit aufgerissen, das laute Kreischen ist nahezu hörbar. Sie alle blicken zu einer großen Eule, die im unteren Bildteil eine Taube zu töten scheint.

Man vermutet, dass die Eule das Böse, den Teufel symbolisiert, während die Taube als Sinnbild des Glaubens von dieser attackiert wird. Schongauers Ornament ist somit mehr als das Präsentieren seines Könnens, Pflanzen und Tiere naturgetreu wiedergeben zu können. Er zeigt mit diesem Werk auch das Ringen um den Glauben. Die Ranke mit ihren üppigen Blättern hat wenig Einladendes, wirkt stachlig und keineswegs paradiesisch. Ganz im Gegenteil: Tod und Teufel haben Stellung bezogen. Die Weinblätter selbst scheinen im Zustand kurz vor dem Verwelken um Leben und Tod zu kämpfen, der deutsche Kupferstecher vermag es, die Natur in ihrem ewig fortwährenden Überlebenskampf darzustellen.
Antike Ursprünge

Während an einem byzantinischen Kämpferkapitell nur einzelne Weinblätter naturgetreu wiedergegeben sind, winden sich besonders eindrucksvoll zahlreiche Ranken um die sogenannte Colonna Santa. Sie wurde von keinem geringeren als Kaiser Konstantin für Alt-Sankt-Peter in Rom gestiftet und hat noch im 16. Jahrhundert Künstler dazu veranlasst, sie als eigenständiges Kunstwerk zu studieren. Beatrizet formt in seinem Kupferstich Akanthusblätter, Kanneluren und Weinranken dem marmornen Original genau nach.
Ganz anders sind die weiteren Beispiele von Weinranken in der Kunst, die wir im Folgenden betrachten werden. Sie grünen in voller Pracht. Weinblätter als ornamentale Schmuckzierde stehen in einer langen kunsthistorischen Tradition, die bis in die Antike zurückreicht. Ob an Sarkophagen, Kirchenfassaden, Säulenkapitellen oder Türrahmen – die elegant geschwungenen Blätter eignen sich hervorragend als Dekor mit symbolischer Botschaft.

Nicolas Beatrizet, Gedrehte Säule der St. Peters Basilika/Colonna Santa, in: Speculum Romanae Magnificentiae, 1525-1565, Kupferstich, 42 x 15,6 cm, Amsterdam, Rijksmuseum, Rijksprentenkabinet, Inv. RP-P-2016-345-42-1. Public Domain

Museo dell’Opera del Duomo (ehemals Baptisterium San Giovanni). CC BY 2.5: Wikimedia Commons, Autor: Sailko
Auch Lorenzo Ghiberti hat es an seiner Nordtür für das Florentiner Baptisterium nicht gemisst, seine Reliefs mit einem unendlich scheinenden Fries aus Weinblättern und Trauben einzufassen, der ein Versteckspiel für allerhand Insekten und Kleinsttiere eröffnet. Neben diesen Beispielen, die vor allem die Außenfassade christlicher Bauten betreffen, ist auch in den Innenräumen einiges zu entdecken.
Christus und der Weinstock
Ob Glasmalerei aus dem Mittelalter oder Hochaltarfries im Jugendstil – die Metapher der Eucharistie bleibt die gleiche. Der Wein als Blut Christi ist Teil liturgischer Praxis, worauf der Innendekor zahlreicher Kirchen zurückverweist. Es sei an dieser Stelle zudem an die Vorstellung von Christus als Weinstock erinnert, heißt es doch in Johannes 15,1-5:
„Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“


Es ist also keineswegs Zufall, dass ausgerechnet in St. Johannes in Erfurt das Glasfenster eine Weinranke ziert, die außerdem in ihrer Form einer unendlichen Acht ähnelt. Christus ist hier in Form des unendlichen Weinstockes präsent. In Koloman Mosers Aquarell in Wien hängen zahlreiche blaue Trauben in Reih und Glied am Stock. Sie symbolisieren dem zuvor zitierten Johannes-Evangelium folgend die Gemeindemitglieder. Die symmetrischen Jugendstil-Formen folgen einer ganz eigenen Ästhetik, die zwischen Formstrenge und verspielter Linie liegt.
Profane Motive
Neben dem hier kurz skizzierten christologischen Horizont ist die Weinranke auch Teil der Monats-Ikonographie oder ganz profan des Möbeldekors. In Leo Schnugs Allegorie des Oktobers rahmt die Ranke einen Satyr ein, der schon lüstern auf die reiche Ernte und den damit verbundenen Weingenuss zu warten scheint. Man denke aber auch an Giuseppe Arcimboldos Monatsbilder, in denen der Herbst Weinblätter und Trauben als Krone trägt oder etwa Alfons Muchas Herbst-Allegorie, die soeben von der Rebe zu pflücken beginnt.


Dass sich die schlängelnden Weinranken aber auch besonders für die Dekoration von Tischen, Stühlen, Tablets oder Vasen eignen, beweist der Franzose Emile Gallé. Die reifen Trauben auf einer Entwurfszeichnung laden bereits dazu ein, von ihnen zu naschen. Natur so täuschend echt darstellen zu können, zielt bereits in der Antike bei Plinius, d. Ä. auf die Fertigkeiten nur der allerbesten Künstler ab. In der Anekdote von Zeuxis und Parrhasius entbricht ein Wettstreit zwischen den beiden Künstlern, wer den anderen besser täuschen zu vermag.
„Zeuxis malte im Wettstreit mit Parrhasius so naturgetreue Trauben, dass Vögel herbeiflogen, um an ihnen zu picken. Daraufhin stellte Parrhasius seinem Rivalen ein Gemälde vor, auf dem ein leinener Vorhang zu sehen war. Als Zeuxis ungeduldig bat, diesen doch endlich beiseitezuschieben, um das sich vermeintlich dahinter befindliche Bild zu betrachten, hatte Parrhasius den Sieg sicher, da er es geschafft hatte, Zeuxis zu täuschen. Der Vorhang war nämlich gemalt.“
Plinius, Nat. Hist. XXXV, 64


Diesen Wettstreit der beiden Rivalen stellt Sandrart überzeugend dar. Während die Vögel an Zeuxis‘ gemalten Trauben hacken, versucht derselbe den dargestellten Vorhang zur Seite zu schieben. Der Täuscher wurde damit selbst getäuscht.
Der Wille, die Natur lebendig echt erscheinen zu lassen, findet sich auch in anderen Kulturen, wie der fantastische Farbholzschnitt von Kôno Bairei unter Beweis stellt. Die hellroten Weinblätter säumen den Bildrand und der kleine so eben darauf gelandete Vogel wird zum Protagonisten des Druckes. Das harmonische Farbenspiel von dunklem Gefieder und pastellfarbener Pflanzenpracht verstärkt die Plastizität des Zweidimensionalen. Im momenthaften Augenblick, der den Vogel verweilen lässt, liegt die Schönheit des japanischen Farbholzschnitts.

Wie sich somit gezeigt hat, ist die Weinranke – von christlich bis profanen Kontext – ein beliebtes Darstellungsobjekt der Künstler. Ob einzelnes Blatt oder ganzer Weinstock mit vollen Trauben, ob kleines Detail oder Hauptdarsteller, die Weinranke hat in jedes Medium und jede Technik der Kunst Einzug gehalten.





